Mila Turajlić lebt und arbeitet in Belgrad, RS, und Paris, FR

 

Die Filmemacherin Mila Turajlić erforscht die Auswirkungen und das Vermächtnis des zeitlichen, politischen und sozialen Bruchs mit der Lebensrealität und Identität auf dem Balkan während der gewaltsamen Periode nach der Auflösung Jugoslawiens. Ihr erster Dokumentarfilm Cinema Komunisto (2010) untersucht anhand von Archivmaterial, inwiefern das Kino in Jugoslawien zur Entstehung eines Nationalgefühls beigetragen hat. In Die andere Seite von Allem (2017) ist eine zweigeteilte Familienwohnung die zentrale Allegorie: Der Film beleuchtet das Kapitel des Niedergangs Jugoslawiens und die prominente Rolle, die Srbijanka, die Mutter der Künstlerin, im demokratischen Aufstand gegen Slobodan Miloševićs ultranationalistische, autokratische Machtergreifung spielte. Turajlićs Arbeit The Labudović Reels [Die Labudović-Bänder, 2021] ist ein Dokumentarfilm, der in die Geschichte der von Stefan Labudović gefilmten Wochenschauen eintaucht. In den 1950er- und 1960er-Jahren wurde der jugoslawische Kameramann als Zeichen der Solidarität zwischen den Ländern der Bewegung der Blockfreien Staaten von Präsident Tito nach Algerien, Angola und Tansania entsandt, um dort Bilder der Befreiungsbewegungen zu produzieren.

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Mila Turajlić, SCREEN/SOLIDARITY/SILENCE – DEBRIS FROM THE LABUDOVIĆ REELS, 2022, video installation, photographs, documents, dimensions variable, video still, courtesy estate Stevan Labudović © Mila Turajlić

Zwischen 1959 und 1962 dokumentierte Labudović im Auftrag der Nationalen Befreiungsarmee den Algerienkrieg (1954–62). Er filmte militärische Trainings, Guerilla-Angriffe, die Vertreibung der Indigenen Bevölkerung sowie den nahenden Sieg und den Einmarsch in die Hauptstadt Algier. Mit der dokumentarischen Videoinstallation Screen/Solidarity/Silence – Debris from the Labudović Reels [Leinwand/Solidarität/Stille – Bruchstücke der Labudović-Bänder, 2022], die aus Labudovićs Archivmaterial sowie neu gedrehten Interviews mit Zeitzeug:innen besteht, versucht Turajlić, die jeweilige Motivation hinter diesen filmischen Inkarnationen antifaschistischer und antiimperialistischer Solidarität auszuloten. Ebenso spürt sie den Bedeutungen nach, die sie heute generieren – insbesondere nach dem Ausbruch des algerischen Volksaufstands im Jahr 2019, dem HIRAK, der versuchte, den Griff des Militärs zu brechen, in dem sich das Land seit der Unabhängigkeit befindet.

Rasha Salti

Exhibitions

Southern Constellations: The Poetics of the Non-Aligned, 2019, Museum of Contemporary Art Metelkova, Ljubljana (SI)

Toward a Concrete Utopia: Architecture in Yugoslavia, 1948–1980, 2018, MoMA – Museum of Modern Art, New York City (US)

Toronto International Film Festival 2017, 2017, Toronto (CA)

47th Chicago International Film Festival, 2011, Chicago (US)